Theresienstadt „Katastrophenort“ Nr. 1 in Tschechien
Das neuzeitliche Phänomen „Dark Tourism“ (dt. Katastrophentourismus) führt Besucher an Orte, an denen sich einst oder vor relativ kurzer Zeit eine Tragödie oder ein Unglück abspielten. CzechTourism hat auf den Webseiten www.kudyznudy.cz eine Umfrage durchgeführt, um eine Liste der TOP 10 der Katastrophenorte in Tschechien aufstellen zu können.
Eindeutiger Sieger ist die Gedenkstätte Theresienstadt, für die 51 % der Teilnehmer stimmten. 12 % stimmten für die Gedenkstätten, die an das Auslöschen der Dörfer Lidice und Ležáky erinnern. Beim Ringen um den 3. Platz schließlich trug das Schlachtfeld Austerlitz den Sieg als Katastrophenort Nr. 1 avon.
1. Theresienstadt Die kleine Stadt Theresienstadt wurde 1941 zu einem Ort umgewandelt, an dem tausende Juden, insbesondere tschechischer Abstammung, konzentriert wurden. Von hier aus wurden sie ins Vernichtungslager Auschwitz abtransportiert. Im Gebäude der einstigen Theresienstädter Schule ist heute das Ghettomuseum untergebracht. Die kleine Festung vom Ende des 18. Jahrhunderts diente in den Kriegsjahren als Gefängnis der Prager Gestapo. Der Ort nationalsozialistischer Willkür wird jährlich von rund 300 000 Besuchern aufgesucht.
2. Lidice und Ležáky sind Dörfer, die im 2. Weltkrieg von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurden. Sie mussten für einen direkten oder nur vermeintlichen Zusammenhang mit dem Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich büßen. Das Los des kleinen Dorfes Lidice erfüllt sich am 10. Juni 1942: Die Männer wurden erschossen, die Frauen in Konzentrationslager geschleppt und die meisten Kinder ermordet. Das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. 14 Tage später sollte der Weiler Ležáky dasselbe Schicksal erleiden.
3. Das Schlachtfeld Austerlitz wurde zu einem Massengrab mehrerer Nationalitäten. Im Museum, das an das Mahnmal grenzt, erwartet die Besucher die Multimediaausstellung „Dreikaiserschlacht. Slavkov/Austerlitz 1805“. Die Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Schlacht, die sich alljährlich Ende November, Anfang Dezember auf dem Gelände des Mahnmals abspielen, finden ihren Höhepunkt in einem Pietätsakt zu Ehren der Gefallenen. Das Historische Museum in Austerlitz zählt jährlich an die 55 000 Besucher.
4. Die Kirche der Hll. St. Kyrillus und Methodius diente als Unterschlupf für jene Fallschirmspringer, die im Jahr 1942 ein Attentat auf R. Heydrich verübt hatten. Am frühen Morgen des 18. Juni 1942 wurde die Kirche von Mitgliedern der SS und der Gestapo umzingelt, kurz danach brachen Kampfhandlungen aus. Die 7 Fallschirmspringer hatten gegen die Übermacht der Deutschen keine Chance. Nachdem ihnen die Munition ausgegangen war, nutzten sie die letzte Ladung, um sich das Leben zu nehmen.
5. Der Lehrpfad Jáchymovské peklo (dt. Hölle von Jáchymov) führt die Besucher an Orte, wo in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Lager und Gruben standen, in welchen Gefangene des kommunistischen Regimes unter unmenschlichen Bedingungen lebten und Uranerz abbauten.
6. Das Areal des Schlachtplatzes bei Königgrätz (Hradec Králové) erinnert an eine der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts: Am 3. Juli 1866 trafen hier die Truppen Preußens auf die österreichische Armee. Nordwestlich von Hradec Králové, auf der Anhöhe Chlum, sind über 400 Grabsteine, Massengräber sowie symbolische Denkmäler zu finden.
7. – 8. Die Gedenkstätte Vojna u Příbrami und das Museum der Opfer des Kommunismus stehen an der Stelle eines ehemaligen Gefangenenlagers aus den Jahren 1947-1949. Von 1949-1951 diente es als Lager für Zwangsarbeiter, später bis 1961 als Haftanstalt für politische Gefangene des kommunistischen Regimes.
7. - 8. Der Friedhof Slavín in Prag-Vyšehrad ist ein beliebtes Ziel von Klassenfahrten, da hier rund 600 bedeutende Persönlichkeiten – Schriftsteller, Wissenschaftler, Dichter, bildende Künstler, Komponisten, Schauspieler, Ärzte, Politiker u.v.m. – ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Der Hauptweg des Friedhofes führt zum Slavín, dem gemeinsamen Grabmal nationaler Größen.
9. Den Wenzelplatz in Prag wählten 1969 nacheinander die Studenten Jan Palach und Jan Zajíc als Opferstätte, um gegen die Besetzung der Tschechoslowakei durch russische Truppen zu protestieren. Vor dem Nationalmuseum, unmittelbar an der Stelle, wo sich Jan Palach in Brand setzte, befindet sich heute eine kleine Gedenkstätte. Über zwei niedrigen, kreisförmigen Grabhügeln, die sich über das Relief des Gehsteigs erheben, liegt ein Bronzekreuz mit den Namen beider Studenten.
10. Das Schloss Velké Losiny ist durch seine Hexenprozesse zu trauriger Berühmtheit erlangt. Am Ende des 17. Jahrhunderts führte Heinrich Boblig, ein aus Šumperk berufener Inquisitor, an diesem Ort Hexenprozesse, bei welchen 56 Menschen zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurden.
Zu weiteren Tipps für Katastrophenorte in der Tschechischen Republik zählen neuerdings auch der „Kerker der Nationen“ am Brünner Špilberk oder das Schlachtfeld Weißer Berg in Prag.
Autorin
Lenka Šindelářová
Abteilung Markt- und Trendforschung


